Hundert Jahre - und immer noch im Wandel
Die Gründung und die ersten Jahre
1921 waren Mut, Verwegenheit und eine ordentliche Portion Selbstvertrauen die Voraussetzungen für die Gründung der auf den Besuch einer höheren Lehranstalt vorbereitenden Schule, aus der das Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium in Icking entstehen sollte. Herr Dr. Alfred Vogel, damals noch Lehrer im Kindersanatorium in Ebenhausen, wurde 1921 von Eltern aus Icking und der näheren Umgebung um Privatunterricht bei ihren Kindern gebeten. Dass Mädchen und Protestanten die nahe gelegene Klosterschule in Kloster Schäftlarn damals nicht besuchen durften, war für viele Intellektuelle, die sich in Icking und Umgebung angesiedelt hatten, ein Anlass, nach einer anderen Lösung für die weiterführende Bildung aller Kinder zu suchen. Schließlich lebten in und um Icking zahlreiche Literaten, Künstler, Wissenschaftler, Ingenieure und Architekten.

Wenn man also den Kindern eine tägliche Bahnfahrt, deren gesundheitsschädlicher Einfluss damals von Ärzten attestiert wurde, nicht zumuten wollte oder sich die Fahrkarte nicht leisten konnte, musste man eine andere Möglichkeit suchen. Jungen und Mädchen sollten nun gemeinsam – und ohne Rohrstock – unterrichtet werden; beides ein großer Fortschritt für die damalige Zeit. Die Raumsuche gestaltete sich schwierig, bis schließlich der Unterricht nach Vorlage des Antrags am 2. Mai 1921 in einem Zimmer eines kleinen Landhauses mit den ersten 22 Kindern (15 Jungen und 7 Mädchen) mit einfachsten Mitteln und ohne behördliche Genehmigung begann. Denn dieser erste Antrag zur Genehmigung einer Privatschule wurde bereits am 20. Oktober mit dem Hinweis auf die dürftige Ausstattung im schulischen wie sanitären Bereich abgelehnt. Der Unterricht wurde jedoch nicht eingestellt. Vielmehr mobilisierten die betroffenen Eltern und Dr. Vogel alle Kräfte und Verbindungen ins Kultusministerium, um die Ministerialen von der Notwendigkeit ihrer Privatschule zu überzeugen, was letztlich auch gelang.
Dass es trotzdem mit dem Projekt Privatschule weitergehen konnte, lag außerdem daran, dass ein Ickinger Schülervater, der Gutsbesitzer Fritz Bullrich, 1922 ein kleines Holzhaus erwarb, in das die mittlerweile 40 Schüler am 1. April 1922 umziehen konnten. Auch die Finanzierung stand mit der Gründung eines Elternvereins jetzt auf einer festeren Basis. Dennoch verweigerte die Regierung erneut den Weiterbetrieb der Schule mit der Begründung, dass Räumlichkeiten fehlten und die Ausbildung der Lehrer nicht den Anforderungen entspreche. Schließlich gelang es dem Schülervater Karl Alexander von Müller, auf die Genehmigungsbehörden so einzuwirken, dass diese schließlich am 23. Mai 1923 den Schulbetrieb endlich erlaubten. Die offizielle Bezeichnung für die Lehranstalt lautete für die nächsten fast 20 Jahre: „Private höhere Unterrichtsanstalt des Elternvereins Icking e.V.“.
Die Zeit des Nationalsoizalismus
Es waren die dunkelsten Jahre in der Geschichte unseres Landes, deren Wolken auch die Schule überschatteten. Aus den Aufzeichnungen, die im Ickinger Gemeindearchiv vorliegen und dort einzusehen sind, wird dies ersichtlich. Dort ist zu lesen: „Dementsprechend war nach der Machtergreifung die Schule eine der ersten, die das Recht zum Hissen der H.J.-Fahne erhielt, da ihre Schüler 100% in den Jugendorganisationen erfasst waren.“[1] Und einige Zeilen später heißt es: „Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass die Lehrer in der Partei oder ihren Gliederungen aktive Mitglieder sind.“[2] Neben der nationalsozialistischen Überzeugung finden sich allerdings auch eine Reihe an Zeichen der Toleranz von Seiten der Eltern, Lehrer und Schüler. Diese finden sich sehr detailliert in den Kapiteln „Pädagogische Provinz über dem Isartal“[3] und „Schulgeschichte“ in der Festschrift zum 75. Schuljubiläum sowie in der profunden Arbeit von Martin Hennighaußen[4] wieder.
Auf die junge Schule wirkten immer wieder innere und äußere Kräfte, die ihre Existenz nicht nur einmal in Frage stellten: Die ablehnende Haltung von Behörden und Ministerien, die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten, fehlendes Personal, Geldprobleme und allen voran die sich wandelnden politischen Verhältnisse, das Inferno des Zweiten Weltkrieges und die Wirren der Nachkriegszeit ließen die Schule oft genug fast straucheln. Es hat die Einrichtung ohne jeden Zweifel nachhaltig geprägt, dass die Schulangehörigen und die Gemeinschaft um die Schule herum (Eltern, Schulleiter, Pädagogen und Vertreter der Gebietskörperschaften) gemeinsam immer wieder Mittel und Wege fanden, um trotz aller Widrigkeiten einen Rahmen und eine Basis zu bieten, auf dem Erziehung und Bildung gedeihen konnten. Am 1. Januar 1942 erhielt die Schule den sperrigen Namen „6-klassige Oberschule für Jungen und Mädchen des Zweckverbands Höhere Unterrichtsanstalt Icking-Wolfratshausen in Icking“ – ein Name, der die bis dahin zu bewältigen Probleme bereits symbolisiert.
Der Aufbau des heutigen Gymnasiums
Ein wichtiger Meilenstein für die Entwicklung der Schule ist der 2. Mai 1949. Endlich erteilte das Ministerium die Erlaubnis, eine achte Klasse einzurichten. Damit war für die Schülerinnen und Schüler in Icking der Weg frei, an ihrer Schule die Reifeprüfung abzulegen. Im Juni 1950 erhielt die Schule, im damaligen Amtsdeutsch „Anstalt“, vom Kultusministerium die Genehmigung, die Schule als Realgymnasium zu führen. Sie trug fortan den klangvollen Namen „Realgymnasium des Zweckverbands Icking-Wolfratshausen, – Oberschule im Anbau – in Icking.“ Die Errichtung eines Schulneubaus erwies sich als Großprojekt. Die in den 1950er Jahren finanziell sehr marode Schule, die sich in manchen Jahren nur sehr mühsam durch Schulgelder, Spenden und Kredite finanzierte, konnte von Ickings Bürgermeister Johann Pischetsrieder ein Waldgrundstück zum Vorzugspreis erwerben, auf dem der neue Schulbau entstehen sollte. Die Eltern und sogar der Schulleiter nahmen private Schulden auf, um wiederholt Bauten zu finanzieren. Schülerinnen und Schüler renovierten (teils unfreiwillig) Gebäude, Lehrkräfte arbeiteten zum Fortbestand der Schule nach dem Krieg mit geringen Bezügen, um nur wenige Beispiele für den unermüdlichen Einsatz aufzuzählen. Beim Lesen der Chroniken hat man oft den Eindruck, dass Menschen die Ärmel hochgekrempelt und auch eigene Opfer nicht gescheut haben, um die Jugendlichen zu unterrichten.
Die dabei notwendige Suche nach dem Konsens mit Eltern und die systematische Beteiligung aller lokalen Akteure trugen in den allermeisten Fällen zur Akzeptanz der Schule im Umfeld entschieden bei und schufen eine große Verbundenheit. Es ist wichtig zu erwähnen, dass neben einer intensiven Mitwirkung der Elternschaft, auch die Schülerinnen und Schüler schon früh aktiv an der Schulentwicklung beteiligt waren: In den 1950er Jahren wurde die Schülermitverwaltung (SMV) gegründet, die bis heute (als Schülermitverantwortung) eine besonders starke Kraft an der Schule ist.
Ab 1949 „herrschte“ über zwanzig Jahre lang der umstrittene Direktor Walter Niklas über das Gymnasium. Sind seine Erziehungsmethoden auch fragwürdig, so erreichte er dennoch 1960 die Verstaatlichung der Schule sowie die Übernahme eines Großteils des Kollegiums in den Staatsdienst. Einige, zum Teil promovierte Kollegen, die über Jahre hinweg gute Arbeit geleistet und ebenfalls auf Teile ihres Gehalts verzichtet hatten, mussten nun leider die Schule verlassen, da sie nicht das notwendige zweite Staatsexamen vorweisen konnten. Circa sechs Jahre später, am 1. Januar 1966, wurde der Zweckverband aufgelöst, die rechtlichen Verpflichtungen an den Landkreis übertragen und die „freiwilligen Pflichtbeiträge der Eltern“ eingestellt. Die Schule hieß jetzt „Gymnasium Icking“. Die wilden 1968er gingen auch an Icking nicht spurlos vorüber. Im Januar 1970 war im Isar-Loisachboten zu lesen, dass die SMV ihren sofortigen Rücktritt erklärte und die Klassensprecher ebenfalls dazu aufforderte, da sie sich in ihren Mitspracherechten stark beschränkt sahen.[5] Mag auch damals die Schüleraktion nicht sofort erfolgreich gewesen sein, so setzte sie doch einen Prozess der verantwortungsvollen Mitgestaltung des Schullebens in Gang. Eine SMV in der heutigen Form ist von keiner Schule mehr wegzudenken, auch nicht vom Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium in Icking. Hier haben die Schüler viel bewegt.
Mit der Einführung der Kollegstufe 1977/1978 und den stets steigenden Schülerzahlen stiegen ebenfalls die Anforderungen an die Ausstattung und die Räumlichkeiten. Der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen übernahm ab Januar 1984 die Sachaufwandsträgerschaft. Am 16. Februar 1984 wurden ein weiterer Erweiterungsbau inklusive Pädagogischem Zentrum, zwei Medienräume und ein Informatikraum eingeweiht. In den 1990er Jahren konnten der Naturwissenschaftstrakt und eine neue Doppelturnhalle – finanziert durch einen eigenen Zweckverband unter Beteiligung aller Partnerschulen – übergeben werden. Das Gymnasium meisterte den Übergang von G9 zu G8, welches 2004 eingeführt wurde, zahlreiche Veränderungen mit sich brachte und dessen Höhepunkt im doppelten Abitur-Jahrgang von 2011 mündete. Mit dem Abitur im Schuljahr 2024/2025 endete das Reformprojekt G8. Wer so intensiv arbeitet, muss auch richtig essen. Daher durfte 2007 eine Mensa eingeweiht werden, in der seitdem frisch und mit möglichst regionalen Produkten gekocht wird.
Im Jahr 2011 kam es nun zu einer weiteren und bisher letzten Namensänderung. Ab diesem Jahr hieß es „Wir sind Rilke!“. Aus dem „Gymnasium Icking“ wurde das „Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium Icking“, dessen Namensgeber einige Monate in Icking-Irschenhausen und Wolfratshausen verbracht hatte.
Zusammenfassung der Textbeiträge von Astrid Barbeau, Stefan Nirschl und Peter A. Plößl aus der Festschrift zum 100. Jubiläum.
[1] Schreiben der Privaten Höheren Unterrichtsanstalt der Eltern-Vereinigung in Icking e.V. an das Kultusministerium (1939), Zeile 9ff. Das Dokument befindet sich im Archiv der Gemeinde Icking.
[2] ebenda, Zeile 15ff.
[3] vgl. Festschrift 75 Jahre Gymnasium Icking 1921-1996, 1996 [Selbstverlag].
[4] vgl. Martin Henninghausen: Ickinger Schul-Jahre. Fünf Jahrzehnte eines Gymnasiums 1921-1971. Icking [Selbstverlag].
[5] vgl. Niko Schuller: „Schüler proben den Aufstand. Ämter im Gymnasium niedergelegt. In: Isar-Loisachbote (17./18.01.1970), o.A.