Französischunterricht ganz ohne Sprechen? - Das geht auch anders, selbst im „Home Office“!

Ein Lagebericht aus dem digitalen Klassenzimmer der 6b

Ausschlafen? – Nicht mit uns!

Es ist Dienstag, 8.40 Uhr. Ausschlafen und bis Mittag im Schlafanzug Fernsehen? Nicht mit der Klasse 6b! Seit der ersten Woche im „Home Office“ übt sie sich fleißig im digitalen Klassenzimmer, ganz zu den Zeiten der stundenplanmäßigen Französischstunden. Fragen und Stolpersteine bei den Übungen besprechen, neue Vokabeln einüben, Texte laut lesen –über Tools wie  Konferenzschaltungen alles kein Problem. Dass bei 31 Kindern jedes Mal fast alle vor den Bildschirmen sitzen ist Ehrensache! Schließlich hat man da auch mal wieder die Möglichkeit, die Stimmen all seiner Klassenkameraden zu hören!

Bienvenue en salle de classe numérique

Es geht also los: Französischbuch, Hefte und Stifte liegen bereit und nach und nach trudeln die Kinder ein.

 Wie macht man das nun bei etwa 30 Teilnehmern? Sind alle zu sehen?

Leider nein, sonst wäre die Qualität der Telekonferenz viel zu schlecht. Jedes Kind schaltet die Kamera aus und auch das Mikrofon ist stummgeschaltet, wenn man gerade nicht dran ist. Sonst quietscht und scheppert es im Hintergrund ganz fürchterlich.

Und wie schafft man es, dass nicht jeder wild durcheinander spricht?

Ganz oft rufen wir uns gegenseitig auf, z. B. beim Popcorn Reading, oder Frau Schano nennt den nächsten, damit auch jeder mal zu Wort kommt. Man darf sich aber auch melden.

Wie funktioniert das, so ganz ohne Kamera?

Wer die Antwort weiß, schreibt im Chatfeld unserer Telekonferenz ein „!“, wer eine Frage hat, macht ein „?“. Wie das aussieht, wenn die Antwort schon halb aus einem heraussprudelt und man, wäre man im richtigen Klassenzimmer, schon ungeduldig fast auf seinem Stuhl auf und ab hüpfen würde, kann sich jeder vorstellen: „!!!!!!!!!“

On rigole bien

Dass selbstständiges Lernen die Kreativität fördern und auch Spaß machen kann, zeigt die 6b schon seit der ersten Woche unseres cours de français numérique: Mamas, Papas und Geschwister werden als Kameramänner, Statisten oder Schauspieler eingesetzt, um Podcast und Videos par excellencezu kreieren. Es werden auch allerlei Requisiten eingebaut –schließlich hat man ja Zeit, zu Hause ein wenig herumzustöbern. Und an digitalem Knowhow mangelt es ebenfalls nicht: Gleich mehrere Schüler üben sich in einer Doppelrolle und schneiden gekonnt Videos zusammen. Wenn im Lehrerpostfach kurz vor Feierabend eine Hausaufgabe eintrudelt, die als „Frühwerk für das Vorabendprogramm –ganz ohne Werbepausen“ angekündigt wird, verschiebt man das Korrigieren nur ungern auf morgen.

 On apprend

Ein Luxus für jeden Französischlehrer. Die Rückmeldung von Mme Schano zu Aussprache und Grammatik folgt ganz unkompliziert per E-Mail. Und wie bringt man nun dem Papa, der so überzeugend die Rolle des Partenaire A übernommen hat, schonend bei, dass die Lehrerin auch bei ihm ein paar klitzekleine Fehler entdeckt hat? Ganz einfach: Man erklärt ihm fachmännisch, warum z. B. ein u wie in super im Französischen grundsätzlich nicht wie im Deutschen ausgesprochen wird. Das pädagogische Einfühlungsvermögen beim Feedback sollte dabei nicht zu kurz kommen, bien sûr(süüüür J).

Nobody’s perfect

Die Situation, in der wir nun stecken, ist für uns alle neu. Das heißt: Wir lernen jeden Tag aufs Neue dazu: Schüler, Eltern, Lehrer. Das heißt auch: Es muss nicht immer alles auf Anhieb perfekt funktionieren. Wenn einen die Technik im Stich lässt, man an einer Aufgabe schier verzweifelt oder sich vor einem Berg von Arbeitsaufträgen mal einfach nicht motivieren kann, ist das völlig in Ordnung. Solange man sein Bestes gibt und aus der Situation das Beste macht.

Und daran besteht kein Zweifel. Was zur Zeit von allen Seiten geleistet wird, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Die Klasse 6b ist nur eines von vielen Beispielen, das uns positiv stimmen sollte. Wir sitzen alle im selben Boot und wir werden von Tag zu Tag besser darin, mit den kleinen und großen Herausforderungen umzugehen. Ein Lagerkoller ist noch nicht in Sicht. Und bevor es so weit kommt, sind wir hoffentlich alle wieder wohlauf in unserem richtigen Klassenzimmer, wo wir nicht erst auf neue E-Mails warten müssen, um unsere Hausaufgaben zu verbessern, und wo wieder viele Finger in die Höhe schnellen, sobald die Antwort unter den Nägeln brennt, ganz ohne „!!!!!!“

Lisa Schano